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Kunst für die Massen

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Kunst für die Massen
merkwürdige Blattsammlung
sphärischer Raum
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1991, Museum Gelsenkirchen

aus:

Peter Friese, Der Bart ist ab - zu den Arbeiten von Karl-Heinz Mauermann, Katalogtext KUNST FÜR DIE MASSEN

...   Da sind zunächst die auffällig monumentalen Silhouetten, die wie eine Synthese aus menschlichem Oberkörper und einer Würfelform wirken. Das heißt, es sind eigentlich riesige Büsten mit einem an Bauhaus-Architektur erinnernden Quadratschädel. Ihre Monumentalität wirkt zugleich bedrohlich und lächerlich. Es handelt sich nämlich um wahre Pappkameraden. Tapeziert mit dem schwarzmelierten Papier von Aktenordnern, lackiert mit gräulich-bläulichem Hammerschlaglack oder gar mit schwarzglänzender teerartiger Farbe bedeckt. So wie sie im Raum stehen oder an den Wänden lehnen, wirken sie wie Attrappen einer als furchterregend zu denkenden Monumentalität. Moloche, die auf ihrem Einsatz in einer Theaterkulisse für ein futuristisches Stück warten.

Die Quadratköpfe haben den Charakter von Kästen, Kühlschränken, Datenbänken, Monitoren. Sie sind deformiert in einem zweckrationalen, das heißt den Erfordernissen angepaßten Sinne. So, als wenn eine bestimmte Qualität des Denkens zwangsläufig zu einer äußerlich sichtbaren Deformation des Schädels führen müsse.

Doch denke ich, Mauermann betreibt hier keine biedere soziologisch motivierte Medienkritik, um irgendwelche Gefahren aufzuzeigen, die wir ohnehin schon kennen und an die wir uns längst gewöhnt haben. Die kubischen Monster sind für ihn und damit auch für uns als Betrachter so etwas wie Denkbilder, mit denen wir spielerisch umgehen, die, sobald wir ihrer Lächerlichkeit bewußt geworden sind, ihre furchterregende Seite verlieren. Eine Ikonostase, die das, um was es geht, einleitet, eröffnet, umgibt, definiert. Mauermann’s Medium und auch seine Message sind Bilder und Texte aus den Bildmedien, die er für seine  Zwecke konfisziert, collagiert, kombiniert, mit neuen Texten versieht und oft zu ganzen Geschichten mit zum Teil absurden Handlungsabläufen neu ordnet. Seine Vorgehensweise ist dabei mit der eines Jägers und Sammlers im Medienzeitalter zu vergleichen. Die Jagdgründe sind die Zeitungen, Illustrierten, Kataloge. Und seine Sammelleidenschaft lebt er auf dem Kopierer, auf der Tastatur, dem Monitor, dem Scanner eines Computers aus. Dort, quasi am Regiepult, wird die Ausbeute seiner Bilder und Texte geordnet, vergrößert, vergröbert, verkleinert, verfremdet, miteinander und durcheinander kombiniert, um schließlich zu etwas völlig Neuem aus dem längst Vorhandenen zu werden. Mauermann konstruiert also eine neue Wirklichkeit aus der alten Wirklichkeit. Er setzt dem ohnehin nicht mehr überschaubaren Informationsfluß noch  ein Sahnehäubchen auf.